Es gibt Fisch – und es gibt Almadraba-Thunfisch. Wer einmal ein gutes Stück Roten Thun aus der Straße von Gibraltar probiert hat, versteht sofort, warum die Spanier von „rotem Gold" sprechen. Aber hinter diesem Fisch steckt mehr als nur Geschmack. Es steckt eine Fangmethode dahinter, die so alt ist, dass schon die Phönizier sie kannten. Zeit, sich das einmal genauer anzuschauen.
Was ist die Almadraba überhaupt?
Das Wort „Almadraba" kommt aus dem Arabischen und bedeutet sinngemäß „Ort des Kampfes" oder „Schlagplatz". Klingt martialisch – und ein bisschen ist es das auch. Gemeint ist ein riesiges Labyrinth aus Stellnetzen, das im Frühjahr vor der andalusischen Küste im Meer verankert wird.
Die Idee dahinter ist erstaunlich einfach und seit Jahrtausenden dieselbe: Der Rote Thunfisch zieht jedes Jahr vom Atlantik durch die Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer, um dort zu laichen. Er schwimmt dabei immer ungefähr dieselben Routen. Die Fischer kennen diese Wege genau und stellen ihm ihr Netz-Labyrinth in den Weg. Die Thunfische schwimmen hinein, finden nur den Weg nach vorne – und landen am Ende in der letzten Kammer, von wo sie an Bord geholt werden.
Kein Schleppnetz, das den Meeresboden umpflügt. Kein kilometerweites Treibnetz. Nur ein fest verankertes Netz, das genau an einer Stelle wartet.
Eine Geschichte, die bis zu den Phöniziern reicht
An der Costa de la Luz wird seit rund 3000 Jahren Thunfisch gefangen. Phönizier, Griechen und Römer wussten den Fisch aus der Region zu schätzen. Die Römer stellten hier sogar ihre berühmte Fischsauce „Garum" her – die Ruinen der alten Fabriken kann man bis heute besichtigen, zum Beispiel in der antiken Stadt Baelo Claubia am Strand von Bolonia.

Der Thunfisch war damals so wichtig, dass er auf Münzen geprägt wurde. Einige der ältesten Münzen der Iberischen Halbinsel zeigen einen Thunfisch.
Einst gab es über 100 Almadrabas an dieser Küste. Heute sind es nur noch eine Handvoll. Die bekanntesten liegen in Barbate, Tarifa, Conil de la Frontera und Zahara de los Atunes – alle in der Provinz Cádiz, alle nur wenige Kilometer voneinander entfernt.
Tarifa und Barbate: Zwei Orte, ein Fisch
Barbate ist das Herz der Almadraba. Die Stadt ist kein klassisches Postkarten-Idyll, dafür lebt hier ein großer Teil der Menschen direkt oder indirekt vom Thunfisch. Hunderte Familien hängen am Fang. Wenn im April die Saison startet, ist das hier ein echtes Ereignis. Wer den Roten Thun in seiner besten Form erleben will, ist Ende April bis Anfang Mai bei der „Semana Gastronómica del Atún" an Barbates langer Strandpromenade genau richtig.

Tarifa, der südlichste Punkt des europäischen Festlands, ist der andere große Name. Bekannt ist der Ort vor allem bei Surfern und Kitesurfern wegen des ständigen Windes – aber auch hier hat der Thunfischfang tiefe Wurzeln. Auf dem Fischmarkt von Tarifa bekommt man die verschiedenen Stücke des Thuns, vom mageren bis zum fetten Cut. Besonders begehrt: die „Ventresca", das fette Stück aus der Bauchpartie, das in Deutschland kaum zu bekommen ist.
Beide Orte feiern ihren Fisch mit Fiestas, Tapas-Routen und Festivals. Der Thunfisch ist hier nicht nur Nahrung, sondern Identität.
Die Vorteile: Warum die Almadraba etwas Besonderes ist
Die Almadraba hat ein paar echte Stärken, die sie von industrieller Fischerei abheben:
Sie ist selektiv. Gefangen werden vor allem große, ausgewachsene Tiere, die schon mindestens einmal gelaicht haben. Junge Fische können durch die Netze entkommen. Das schont den Bestand für die Zukunft.
Sie ist standortfest. Das Netz bleibt an einer Stelle. Es gibt keinen großflächigen Beifang von Delfinen, Schildkröten oder anderen Arten, wie er bei riesigen Treib- oder Ringwadennetzen vorkommt.
Sie schont den Meeresboden. Anders als Grundschleppnetze, die über den Meeresgrund gezogen werden, richtet die Almadraba dort unten keinen Schaden an.
Sie sichert Arbeitsplätze. In einer wirtschaftlich oft schwachen Region hängen ganze Gemeinden an dieser Tradition. Das ist gelebtes Handwerk, kein anonymer Industriebetrieb.

Die Qualität ist herausragend. Der Fisch wird oft direkt an Bord ausgeblutet und schnell heruntergekühlt – manche Betriebe schockfrosten ihn binnen Minuten bei minus 60 Grad. Das Ergebnis ist eine Spitzenqualität, die weltweit gefragt ist, besonders in Japan.
Die Nachteile und Schattenseiten
So schön die Tradition ist – ein paar kritische Punkte gehören dazu:
Der Bestand war lange in Gefahr. In den 1950er-Jahren wurden noch rund 15.000 Tonnen pro Jahr gefangen. 2006 waren es nur noch etwa 1.100 Tonnen. Der Rote Thun war massiv überfischt – allerdings vor allem durch die industrielle Fischerei im Mittelmeer, weniger durch die Almadraba selbst.
Der Fang ist nicht für jeden schön anzusehen. Wenn die großen Tiere in der letzten Kammer an Bord geholt werden, ist das eine archaische und durchaus blutige Angelegenheit. Das schreckt manche ab.
Es gibt Streit um Quoten und Macht. Wer fangen darf und wie viel, ist streng geregelt und wird in Madrid und Brüssel entschieden. Um die Verteilung der Konzessionen gibt es immer wieder Spannungen zwischen den Betrieben.
Abhängigkeit von einer einzigen Art. Wenn es dem Thunfisch schlecht geht, geht es ganzen Orten schlecht. Diese Abhängigkeit macht die Region verletzlich – zumal andere Fischarten der Gegend mit Problemen wie der invasiven Asien-Alge oder eingewanderten Blaukrabben kämpfen.
Gute Nachrichten: Der Thunfisch ist zurück
Und jetzt das Erfreuliche: Dem Roten Thun geht es wieder deutlich besser. Seit etwa 2013 erholt sich der Bestand spürbar. Fischer berichten, es gebe inzwischen „überall Thunfische".
Im Spätherbst 2025 hat die internationale Fischereikommission ICCAT die Fangquote für Roten Thun um historische 17 Prozent erhöht – nach Jahren, in denen sie eingefroren war. Für die Almadrabas von Cádiz und die kleinen Fischer von Barbate ist das eine echte Atempause. Die Branche wertet die Erhöhung als Anerkennung dafür, dass nachhaltig gewirtschaftet wurde.
Heißt das „freie Bahn"? Nein. Die Betriebe selbst betonen, dass mehr Quote nicht „alles erlaubt" bedeutet, sondern etwas mehr Spielraum bei weiterhin vorsichtiger Bewirtschaftung. Genau diese Balance zwischen Tradition, Wirtschaft und Wissenschaft macht die Almadraba so spannend.
Fazit: Mehr als nur ein Fisch
Die Almadraba ist eines der seltenen Beispiele, bei denen eine uralte Methode auch nach 3000 Jahren noch Sinn ergibt – ökologisch wie kulinarisch. Sie ist selektiv, schonend und liefert eine Qualität, die ihresgleichen sucht. Gleichzeitig erinnert ihre Geschichte daran, wie schnell ein Bestand kippen kann und wie wichtig es ist, mit Augenmaß zu fischen.

Wenn du das nächste Mal ein Stück Roten Thun oder eine gute Dose Thunfisch aus Andalusien in der Hand hältst, weißt du jetzt, welche Geschichte dahintersteckt. Und vielleicht schmeckt er dann sogar noch ein bisschen besser.